Das Programm des steirischen herbst 99


Unter dem Titel RE-MAKE/RE-MODEL. Secret Histories of Art, Pop, Avantgarde fragen Arbeitsgruppen (KünstlerInnen, KuratorInnen, TheoretikerInnen) in London, Chicago und Berlin nach der Relevanz des Avantgarde-Begriffes in der heutigen Kunst wie der Gesellschaft. In Ausstellungen, Performances, Symposien und musikalischen Ereignissen werden die einzelnen Gruppen ihre Positionen in Form eines Programms für den steirischen herbst 99 "beschreiben" und so die Debatte, im Festival verankert, vor Ort weiterführen. Das Projekt wird von Christoph Gurk in Zusammenarbeit mit Kodwo Eshun, David Grubbs und Diedrich Diederichsen gestaltet.

Seit dem Vorjahr entwickelt der steirische herbst das von Peter Weibel kuratierte medien-kritische, auf mehreren Ebenen agierende Vorhaben Kunst und globale Medien. In diesem Jahr ist die Ausstellung NETZ_BEDINGUNG in Planung: Sie wird in Zusammenarbeit mit Ko-KuratorInnen zeitgleich in Tokyo (mit Toshiharu Ito am ICC), in Barcelona (mit Claudia Giannetti am MECAD) und in Karlsruhe (mit Jeffrey Shaw am ZKM) zu sehen sein und von jedem dieser Orte aus vernetzt werden.

Im Werk der Film- und Theaterregisseurin Ulrike Ottinger treffen so gegensätzlich scheinende ästhetische Positionen wie genauest recherchierte Dokumentarfilme und höchst stilisierte und formalisierte Inszenierungen aufeinander. Sie wird für den steirischen herbst 99 das frühe Nestroy-Stück Das Verlobungsfest im Feenreiche bearbeiten. Dabei führt Ottinger traditionelle und zeitgenössische japanische Sprach-, Musik- und Theaterformen mit ebensolchen europäischen, insbesondere alpenländischen, zusammen. Die Schriftstellerin Yoko Tawada hat hierfür Textpassagen Nestroys ins Japanische übertragen.

Das Literaturprojekt mundräume.sendeflächen. dichtung aus den 90ern führt maßgebliche deutschsprachige DichterInnen und TheoretikerInnen jener Jahrgänge zusammen, die in den letzten beiden Jahrzehnten inmitten der anhaltenden medientechnischen Revolution selbstbewußt und entspannt die jahrtausendealte Kommunikationskompetenz der Dichtung zeitgemäß "relaunched" und in Anschlag gebracht haben. Vier Tage lang lassen sie die Stadt zum Mundraum werden, in dem Dichtung als öffentliche Rede erkundet und praktiziert wird. Zusammen mit Wilfried Prantner gestaltet dieses Projekt einer der stilbildenden Dichter der 90er Jahre, Thomas Kling.

Diese vier Projekte stehen für mehr als dreißig Vorhaben des steirischen herbst 99: Programmschwerpunkte, wie das von Christian Scheib betreute, vom ORF getragene musikprotokoll 99, das sich mit der Frage der Form beschäftigt und wiederum zahlreiche Uraufführungen von Auftragswerken ermöglicht; wie die - vom CCW präsentierte und von The Kitchen, New York koproduzierte - europäische Erstaufführung der Oper DUST von Robert Ashley; wie Dea Lohers Stück Manhattan Medea, ein Auftragswerk des steirischen herbst, das gemeinsam mit dem Stadttheater Schwerin produziert und in der Regie von Ernst M. Binder - forum stadtpark theater - uraufgeführt wird.

Für die Gestaltung der Plakate und Programm-Publikationen des Festivals haben wir in diesem Jahr Michael Schuster eingeladen: Er wird für seinen Ausstellungsbeitrag zum steirischen herbst 99, in zwanzigjähriger Distanz, das 1979 mit Norbert Brunner erarbeitete sprach- und medienreflexive Projekt Dokumentarische Dialektstudie vom Fersental bis Garmisch-Partenkirchen erneut durchführen und präsentieren. Über die schon genannten Projekte hinaus wird die bildende Kunst in diesem steirischen herbst mit Telling Tales in der Neuen Galerie, mit William Kentridge (in einer Retrospektive, die auch seine Filme einschließt) im Künstlerhaus und mit zahlreichen weiteren Projekten einen Schwerpunkt bilden: Darunter sind die thematische Ausstellung Bildung des Grazer Kunstvereins, die kollaborative Ausstellung der südkoreanischen Künstlerin Soo-Ja Kim mit Jeannette Christensen, mit der die Kunsthalle Feldbach als neue Spielstätte des steirischen herbst eröffnet werden wird, sowie Projekte, die in Zusammenarbeit mit Galerien durchgeführt werden, wie die Ausstellungen mit Matta Wagnest, Albert Oehlen oder Matthew McCaslin.

Das Herstellen eines solchen Programms stellt einen (tatsächlich über globale Distanzen stattfindenden) Produktionsprozeß dar, in den KünstlerInnen, KuratorInnen, TheoretikerInnen mit ihren unterschiedlichen inhaltlichen und ästhetischen Zugängen in eine Intensität auf Zeit eingebunden sind. Dieser Prozeß zeigt aber auch die Rolle und das Engagement der KoproduzentInnen, der Kulturpolitik, der Sponsoren, öffentlicher und privater Einrichtungen, wie auch der MitarbeiterInnen des Festivals, die gemeinsam die finanzielle und organisatorische Basis dieses Programms sichern.

Diese Arbeit möchte ich bereits als wesentlichen Teil des "Ereignisses Festival" auffassen: Denn sie definiert den steirischen herbst als Produktionsort, an dem sichtbar gemacht wird, daß Kunst ein arbeitsteiliges Produkt ist, daß Kunst nicht in einem hermetischen Raum stattfindet, sich nicht allein mit kunst-internen Fragen beschäftigt, sondern daß KünstlerInnen und ProduzentInnen sich den Fragen einer sich verändernden Gesellschaft stellen und daß dem Publikum, dem Leser / Betrachter / Hörer ein entscheidender Platz in diesem Prozeß eingeräumt wird. Kunst - als komplexer Prozeß von Bedeutungszuweisungen - wird eine Vielzahl möglicher Interpretationen anbieten, die in der Öffentlichkeit, am Ort des Politischen, zur Debatte stehen. Dies ermöglicht das Austragen von Konflikten, in denen die Ordnungen, Normvorstellungen, Sicherheiten, mit denen wir uns umgeben, ebenso wie Differenzen und Freiräume immer wieder neu verhandelt werden.

 

Christine Frisinghelli