Das Programm des steirischen herbst 99


Netzkunst ist zu einem an gesellschaftliche und politische Utopien geknüpften Forum geworden, in dem viele der emanzipatorischen Hoffnungen der historischen Avantgarden neu artikuliert werden, sagt Peter Weibel über die Ausstellung "netz_bedingung". Darin untersucht er die Voraussetzungen, denen Medien, Kommunikation und Ökonomien durch das elektronische Netz unterworfen werden. Ermöglicht wird diese Ausstellung durch die Zusammenarbeit von KünstlerInnen, dem steirischen herbst und mit-produzierenden Institutionen in Karlsruhe, Tokio und Barcelona: So wird Vernetzung real abgebildet und bildet zugleich die Plattform, auf der die künstlerische und kritische Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Netzes stattfinden kann.

Den Titel dieses Projektes paraphrasierend kann der steirische herbst selbst als Netzwerk beschrieben werden: Personen, Institutionen, Orte, aber auch ästhetische und politische Vorstellungen für das Programm eines Festivals in Zusammenhang zu bringen heißt, Verbindungen zu knüpfen, Fäden zu spannen. Darin schlagen sich aber auch zahlreiche Korrespondenzen nieder, die eine Art klandestines Tunnelsystem bilden: Über mehrere Jahre hinweg, in unterschiedlichen Medien, Disziplinen, Arbeits- und Redeweisen ergeben sich Beziehungen, entpuppt sich der steirische herbst als Ort punktueller, temporärer oder wiederkehrender Berührungen.

Dieses Netzwerk läßt sich unprogrammatisch als avantgardistisches Erbe des steirischen herbst bezeichnen. Graz stellt darin einen Knoten dar, in dem künstlerische Strömungen, Ideen, Arbeitsweisen auf spezifische Weise aufeinandertreffen. Der steirische herbst und die beteiligten KünstlerInnen geben dieser Stadt und diesem Land ein ästhetisches Profil, mit dem wir, ihre Bewohner und die Mitgestalter ihrer Kultur, uns auseinandersetzen müssen. Dieses Profil ist keine Bürde, die es unversehrt in die Zukunft weiterzutragen gilt, sondern funktioniert als Angebot eines Geflechts von erprobten Spuren — eines Geflechts, das potentielle Zugänge zu einer Reihe alternativer Geschichten der Kunst eröffnet.

Die Spuren des Geflechts, die sich hier unverwechselbar kreuzen, zeigen sich, wenn z. B. das Interesse der am Projekt Re-Make/Re-Model beteiligten KünstlerInnen und TheoretikerInnen an Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen "minderheitlicher" Ausdrucksformen und ihrem Zusammenhang mit der Performance-Kunst Kreuzungspunkte mit Veranstaltungen aus der Frühzeit des Festivals aufweist.
Ulrike Ottinger und Jack Smith, die bereits Anfang der 70er (in Berlin) auf gemeinsamen Filmprogrammen aufgeschienen sind, stehen in unterschiedlichen Vorhaben wieder Seite an Seite.
William Kentridge, dessen Arbeit 1996 bei "Inklusion:Exklusion" und im Filmfestival "Ici et ailleurs" erstmals in Österreich vorgestellt wurde, wird eine umfassende Retrospektive gewidmet.

Die künstlerischen Versuchsanordnungen und theoretischen Fragestellungen der Projekte weisen mit der Erkundung ästhetischer Strategien unter den veränderten medientechnischen und ökonomischen Bedingungen sowie mit der historischen Neubeurteilung und kritischen Nutzbarmachung avantgardistischer Verfahrensweisen nicht nur gemeinsame Bezugspunkte auf, sie verhandeln auch die Themen und Anliegen der vergangenen Jahre neu: Die Auseinandersetzung mit verdrängten hegemonialen Ansprüchen und Komplizenschaften der Moderne, die schwierige Frage nach dem Umgang mit dem Anderen und den Vereinnahmungen und Ausgrenzungen des Minoritären, die Entstehung hybrider Identitäten und die Verstörungen des Körpers, das Nachdenken über das Kunstwerk als arbeitsteiliges Produkt und über die Bedingungen seiner Herstellung. KünstlerInnen, deren Arbeiten während dieser Jahre den Kern und Anlaß zu dieser notwendigen Reorientierung bildeten, haben vor allem eines gezeigt: Die Parameter künstlerischen Ausdrucks müssen in Abhängigkeit von ihren Umständen immer neu erfunden werden.

Das Profil des steirischen herbst, dieses stets neu zu knüpfende Netzwerk, konnte sich nur dadurch entwickeln, daß das Festival mit seiner eigenen prekären Autonomie für die fragile und flüchtige Existenz künstlerischer Arbeit einstand. Die gegenseitige Wertschätzung der beteiligten KünstlerInnen, ProduzentInnen und Institutionen ist dafür eine unabdingbare Voraussetzung. Das sind auf ihre Art Netzbedingungen, die ein Programm ermöglichen, das Komplexität als Qualität setzt, dem Druck der Kulturindustrie intelligent Paroli bietet und an dem noch nicht in seiner historischen Bedeutung Festgelegten mitschreibt. Ein zeitgenössisches Publikum, das darauf besteht, die Werke mitzukonstituieren (also in diesem Sinne "netzfähig" ist) hat Anspruch auf mehr als einfache Wahrheiten und vorfabrizierte Erlebnisse. Die stehen allein im Interesse der Massenmedien und der Politik.

Christine Frisinghelli